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Obwohl ihre Erscheinung nur weiter, leerer Raum ist, ohne Trennwände, Glas gefasst und freien Durchblick gewährend, mit anderen Worten "ein Architektur gewordenes Nichts", gilt die Neue Nationalgalerie als eine Ikone der Moderne.

Die Offenheit, eine Verbindung zwischen Innen und Außen, ein Wagnis gegen alle Grenzen wird zelebriert. Erbaut wurde sie in den Jahren 1965 bis 1968. Entworfen hat sie Ludwig Mies van der Rohe. Zum legendären Charakter des Museumsbaus trägt bei, dass es sich um sein letztes eigenständiges Werk handelt.

Mies van der Rohes lebenslanges Thema war die Verwirklichung eines „offenen Raums“. Für Ausstellungsmacher ist die berühmte Glashalle allerdings ein Graus. Die starke Lichteinstrahlung verunmöglicht die Präsentation empfindlicher Malereien; werden die Glasfronten mit Vorhängen abgedichtet, geht die architektonische Aussage verloren.

Was für ein Bild liefert die Neue Nationalgalerie! Die Glashalle gleicht einem Schaufenster, ist Entree zum im Kellerbereich geschützt gelagerten, sorgsam präsentierten Bildern intensiven Lebens. Jedes Kunstwerk ein „freier Durchblick“ auf Sehnsüchte und Abgründe. Denn das frühe 20. Jahrhundert ist auch die Zeit Freuds und der Tiefenpsychologie C. G. Jungs: Die Entdeckung des individuellen und kollektiven Unbewussten, des großen Speicherraumes menschlicher Psyche!

Wir Menschen brauchen beides: Die Freiheit des „offenen Raums“ und die Sicherheit der Sammlung, der Bewahrung im „Kellerspeicher“.

Nach mehrjähriger Sanierung ist die Neue Nationalgalerie in Berlin jetzt wieder für das Publikum geöffnet.

Markus Grun

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